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Ein Halbes vom Mond

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  Prolog In einem Wiener Spital strahlt kalt und hell das weiße Neonlicht über dem Flur der Intensivstation. Leise quietschen die Gummisohlen des Personals auf dem frisch gewischten Fußboden. Und genauso leise sprechen auch die Ärzte und Schwestern miteinander. Alles ist steril, selbst die Luft zum Atmen schmeckt steril. Die junge Frau schaut traurig in sein geschundenes Gesicht. Ihre Blicke gleiten über seinen bandagierten Kopf und weiter zu den Monitoren, die jedes Vitalzeichen seines Körpers aufzeichnen. Leise tönt das monotone Piepsen seiner Herzschläge. Es sind die einzigen Geräusche in diesem Zimmer.  Der Mond scheint hell durch das Fenster - ein halber Mond, wie durchgeschnitten, auf den Mann, der nur noch zur Hälfte Leben in sich zu haben scheint. Zwei Mal ein Halbes, denkt sie, und doch kein Ganzes. Sie steht am Fußende des Intensivbettes, in dem Ron um sein Leben kämpft. Ron, der Taxifahrer, der sie in seinem Taxi noch vor wenigen Tagen zum Flughafen gefahren hatte....

Sonntagmorgen im Sommer

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Wer kennt ihn nicht, diesen Sonntagmorgen, wenn es trotz des offenen Fensters warm im Schlafzimmer ist und wenn das zarte Singen der Nachtigall, das Gezwitscher der Amseln und später das neckische Gezanke der Spatzen einen nicht mehr einschlafen lässt. Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob wochentags der Wecker unbarmherzig am frühen Morgen klingelt, bis man ihn mit noch geschlossenen Augen findet und ausdrückt, oder ob man an einem Sonntagmorgen im Sommer zur gleichen Zeit von alleine erwacht. Es ist die innere Freude auf den freien Tag, auf das ausgiebige Frühstück und die Ruhe, auf einen geplanten Ausflug oder das Genießen, einmal nichts zu tun. An diesem Sonntagmorgen meinen es die Amseln besonders gut mit ihrem Gezwitscher und ich merke, dass ich nicht zurückfinde in den Schlaf. Ich greife zu meinem Krimi, drücke auf die Taste am Kaffeeautomaten und schleiche mich leise mit meiner duftenden Kaffeetasse aus dem Haus. Fast wäre mir vor dem alten Schuppen eine Schwalbe ins Gesicht...

Eine kleine Dickmamsell

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Gabi streifte sich im Flur die Schuhe von den Füßen und schlurfte barfuß in ihr Wohnzimmer. Es war schon spät, fast Mitternacht. Sie hatte das Gefühl, ihre Füße würden sogleich wie zwei Hefeklöße anschwellen. Fast versank sie in der Mitte ihres weichen Sofas, einem Geschenk einer alten Dame, die behauptet hatte, dieses Sofa wäre genauso alt wie sie selbst. Die alte Dame zählte zu Gabis Lieblingsgästen im Restaurant. Gabi gehörte das Restaurant zwar nicht, aber Herr Kümmler, der Besitzer des Restaurants und den alle nur "Kümmel" nannten, wäre ohne Gabi aufgeschmissen. Gabi war seine Köchin und die Herrscherin über Kümmels Töpfe und Pfannen in seiner sehr gut ausgestatteten Restaurantküche. Schon als Kind war Gabi runder, als andere Mädchen in ihrem Alter, müsst Ihr wissen. Und da sie nicht sehr groß war, sagte die Oma stets liebevoll zu ihr "... meine kleine Dickmamsell", lachte dabei und drückte ihre wunderbare Enkelin an sich. Gabi hatte ein sonniges Gemüt, Sommer...

Erinnerungen und Zukunft

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Ariane sah sich um und lächelte. Überall standen wunderschöne Vasen mit Blumen - bunte und einfarbige Sträuße, edle Blumen, Gartenblumen und sogar ein Strauß wilde Kamille. Dieser wirkte im Abendlicht wie ein Gemälde aus einer vergangener Zeit. All diese Sträuße waren im Wohnzimmer ihrer Freundin Katharina verteilt. Auf dem Esstisch stand eine Glasvase mit vierzig gelben Rosen, die Katharina vor zwei Tagen zu ihrem runden Geburtstag von Ariane bekommen hatte.  Es hatte ein kleines Fest gegeben, mit einem abendlichen Picknick am Ufer eines nahen Sees. Ariane wusste, dass Katharina die Vorliebe für gelbe Rosen von ihrer Mama geerbt hatte, die den vierzigsten Geburtstag ihrer Tochter nicht mitfeiern konnte, und nicht deren dreißigsten, nicht deren zwanzigsten, und auch nicht den ersten doppelstelligen Geburtstag ihrer Tochter erlebt hatte. Als sie starb, war Katharina noch ein kleines Mädchen. All das wusste Ariane über ihre Freundin. Die beiden Frauen kannten sich schon seit ihrer ...

Edeltraut Trautzsch's Vorliebe für ein Gläschen Eierlikör

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Edeltraut Trautzsch war eine rüstige und übergewichtige Rentnerin, die gern und oft lachte. Dabei bebten dann ihr grauer Dutt und ihr ganzer Oberköper, und jeder, der sie lachen sah, wurde von ihrer Fröhlichkeit angesteckt. Bis zu ihrer Hochzeit, vor rund einem halben Jahrhundert, hieß Edeltraut Trautzsch noch Edeltraut Wiesner, was sich für alle Verwandten und Bekannten, Nachbarn und Arbeitskollegen sehr viel einfacher rufen ließ. Vor allem die verkniffene Arzthelferin, die bei ihrem Hausarzt hinter dem Tresen stand, hatte jedes Mal noch schlechtere Laune, wenn sie laut rief: "Edeltraut Trautzsch, bitte". Dann lachte Edeltraut wieder bis ihr Dutt und ihr Oberkörper bebten und alle Patienten im Wartezimmer lachten mit.  An diesem warmen Frühlingstag, einem Donnerstagnachmittag, hatte Edeltraut ihre drei Freundinnen aus dem Lesezirkel eingeladen. Und wie jedes Mal gab es Kaffee & Kuchen und danach ein Gläschen Eierlikör, den Edeltraut stets für sich, für Herrn Trautzsch u...

Osterhasenschwips

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Der Osterhase lag ausgestreckt auf einer Wiese, inmitten vieler Schneeglöckchen, und öffnete mühsam nacheinander die Augen. Mit seiner kleinen Nase schnupperte er ringsherum und ließ seine feinen Barthaare vibrieren. Neben ihm lagen viele bunte Eier im Gras, die aus seinem umgekippten Osterkorb gekullert waren. Er stützte seinen schweren Kopf auf und versuchte sich zu erinnern, wann und warum er hier eingeschlafen war. Was war nur geschehen? Noch am zeitigen Morgen war er mit seinem großen Korb losgehoppelt und hatte in den Gärten des kleinen Dorfes am Rande der Stadt begonnen, die ersten Ostereier zu verstecken. Einige legte er vorsichtig unter einen Busch, andere in ein Gemüsebeet und ein besonders schönes regenbogenfarbenes Ei in den Sandkasten eines Kindes. Der Hase hatte geschmunzelt, als er die von den Menschen bereits gefüllten Osternester gesehen hatte. Manche waren mit verschiedenen Süßigkeiten gefüllt, in manchen lagen Söckchen oder duftende kleine Päckchen aus der Parfüm...

Der stille Tod und die Macht des Duftes

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Das beleuchtete Taxi stand im Licht der alten Straßenlaterne unter einer großen Kastanie. Durch den Schnee, der die Äste überzogen hatte, sah der Baum mit seiner gewaltigen Krone nicht mehr ganz so kahl aus. Auch der angrenzende Park wirkte durch das Weiß frisch und rein. In wenigen Tagen würde es anders aussehen, wenn es wärmer werden, der Schnee zu schmelzen beginnen und sich der Schmutz der Stadt im Weiß zeigen würde. Doch vorerst, so hatte zumindest der Nachrichtensprecher im Autoradio angekündigt, würde es kalt bleiben. Ronny, der Taxifahrer, kratzte sich unter der braunen Wollmütze am Kopf. Eigentlich nannten ihn alle Ron, nur seine Mutter nicht. Schon als Kind hatte er die Schultern hochgezogen, wenn sie hinter ihm laut seinen vollen Namen rief. Doch das war nun schon über dreißig Jahre her. Er fuhr seit dem Morgen dieses Taxi und weil sein Kollege sich für heute krankgemeldet hatte, würde er noch bis zum Abend hinter dem Lenkrad sitzen. Ron resümierte den bisherigen Tag und ...

Silvester 2020 - Gedanken und Wünsche

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Kann mir einer von euch, liebe Leser, sagen, was er oder sie z. B. an einem bestimmten Tag vor 10 Jahren gemacht hat? Na? Ich könnte es sofort. Ich würde meinen Kalender aus dem Schrank nehmen und dir vorlesen, wie mein Tag an diesem Datum aussah. Und du? Was hast du gemacht? Oder sagen wir am 23. Juli 2019? Na? Hattest du an einem bestimmten Tag einen besonderen Termin, war es ein schöner, unvergesslicher Tag? Eben dafür sind Kalender da. Wir tragen Termine und Ereignisse ein, dazu noch den Ort, ein paar Worte oder Eindrücke. Jedenfalls mache ich das seit vielen Jahren so und fast sind meine Kalender kleine Tagebücher, von denen ich mich nicht mehr trennen möchte. In meinem diesjährigen Kalender jedoch sind so viele leere Seiten wie in keinem anderen zuvor. Oder durchgestrichene Termine, die mich klagend anschauen - als würden sie fragen: warum bin ich durchgestrichen, wurde ich vergessen? Was kam dir dazwischen? Hattest du keine Zeit? Oder keine Lust? Nein, denke ich laut. Ich ...

Das unverhoffte Licht der Hoffnung

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Die rote, schlanke Hülse an dem langen Holzstab war noch in ihrer Verpackung vom letzten Jahr. Die Rakete lag vergessen im Schrank; vergessen, als letztes Jahr Silvester der Himmel über der Stadt um Mitternacht hell erleuchtete. Sämtliche Raketen, die erst zischten, dann knallten und die in allen Farben erstrahlten, kurz bevor sie verglühten, trugen Wünsche in sich, überall auf der Welt. Das war auf den Tag genau vor zwölf Monaten.  Heute jedoch bleibt der Nachthimmel dunkel. Kein Zischen, kein Knallen und kein Leuchten. Und ab 21 Uhr werden, zumindest hier im Auenland, auch keine Menschen mehr auf den Straßen unterwegs sein. Aber das alles wusste die Rakete nicht. Einsam lag sie neben einem Paar ausrangierter dunkelgrüner Gummistiefel in einem alten Schrank und wartete. Die Rakete hatte das ganze Jahr über gewartet und dabei den Gesprächen der Hausbewohner des Mehrfamilienhauses gelauscht - den Frauen, die ihre Waschmaschinen füllten; den Männern, die Fahrräder flickten oder d...

Die Weihnachtsmaus - 4. und letzter Teil

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Die Worte, die durch den Stoff der warmen Winterjacke zu Amanda drangen, waren leise und gedämpft. Amanda spürte, dass die Bewegungen gestoppt hatten. Unsere Weihnachtsmaus hörte eine warme, tiefe Stimme und eine hohe, freundliche Stimme, die der warmen Stimme antwortete. Und da war noch eine leise, junge Stimme, die ihr am nächsten war. Was Amanda nicht wusste war, dass sie nicht mehr im Kaufhaus sondern mit dem kleinen Menschen und seinen Eltern im Auto saß. Der Junge, der auf der Rückbank angeschnallt war, sprach nicht viel. Er war ein schweigsamer und eher in sich gekehrter 9jähriger Junge. Er hatte nicht viele Freunde, zog sich oft in sein Reich zurück und malte dann mit blauer Farbe, seiner Lieblingsfarbe, auf einer Staffelei, die neben dem Fenster stand. Die Kunstlehrerin in der Schule sah nur was sie sehen wollte, nicht aber das Talent des Jungen.  Die warme, tiefe Stimme gehörte zum Vater des Jungen, der das Auto sicher nach Hause lenkte. Mit der freundlichen Stimme ...

Die Weihnachtsmaus Teil 3

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Amanda spürte ihre kalten Mäusefüße und sah sich um. Viele Besucher des Weihnachtsmarktes kamen und gingen in die Richtung, aus der eine leichte Wärme zu spüren war. Neben dem Weihnachtsmarkt stand ein altes Gebäude, das große Kaufhaus der Stadt. Die breite Eingangstür öffnete sich automatisch, ging immer wieder auf und zu. Unsere Weihnachtsmaus huschte mit einem Strom an durchgefrorenen Weihnachtsmarktbesuchern in das Gebäude.  Amanda fand sich inmitten der Menschen auf einer Rolltreppe wieder. Das gefiel unserer kleinen Weihnachtsmaus sehr. Sie fuhr mehrmals hoch und wieder hinunter und staunte darüber, dass es grosse Menschen, z.B. mit langen Haaren oder mit Bärten, und kleine Menschen, die zum Teil noch nicht laufen konnten, gab.  Eine ganz andere Art von Düften drang in Amandas kleine Nase. Es waren Düfte, die unsere Weihnachtsmaus noch nicht kannte. So stand sie just vor einer Parfümerie, in der gar keine kleinen Menschen zu sehen waren. Ringsum standen kleine Flasch...

Die Weihnachtsmaus Teil 2

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  Nun begann ein reges Treiben an der großen Tanne. Die Weihnachtsmaus saß auf der Tannenspitze und beobachtete die Menschen und deren eifriges Handeln. Als es begann zu dämmern, schlief Amanda nach all der Aufregung erschöpft ein. Sie verpasste das Jubeln der Menschen, als auf ein "3, 2, 1 ..... und los" des Bürgermeisters hin, der Weihnachtsbaum nun mit seinen vielen Lämpchen in der Dunkelheit hell erstrahlte. Unsere Weihnachtsmaus erwachte erst, als sich nur noch wenige Menschen auf dem Markt befanden. Amanda blinzelte mit ihren kleinen Knopfaugen, als sie die vielen kleinen Lichter sah, die sie blendeten. Plötzlich nahm sie einen Geruch wahr, der ihr in die Nase stieg und ihr das Wasser in ihrer kleinen Schnute zusammenlaufen ließ. Gleich neben der Tanne entdeckte unsere kleine Weihnachtsmaus eine Holzbude, in der leckere Bratwürste auf dem Grill lagen. Amanda sauste blitzschnell den Stamm hinab. Sie wartete bis der Verkäufer später die Holzbude abschloss und sich ...