Ein anderes Leben


Michael Sonneberg, der von allen nur Maik genannt wurde, saß auf einer Bank und hielt sein Gesicht in die warme Spätsommersonne. Diesen Platz suchte er täglich in seiner Mittagspause auf, solange es das Wetter noch zuließ. Unter dem Kastanienbaum hatte der Mittvierziger einen guten Blick auf die Kunstgalerie gegenüber. Vielleicht würde er dort die interessante Künstlerin sehen, die ihm sehr gefiel und die in der Galerie ihre Kunstwerke malte und auch ausstellte - und, die gelegentlich seinen Waschsalon betrat, um ihre mit Farbspritzern bekleckerten Kittel zu waschen.

Michael hatte an seinem 40. Geburtstag beschlossen, sein Leben in andere Bahnen zu lenken. Bisher war er von Montag bis Samstag jeden Morgen in das familiengeführte Autohaus Sonneberg & Söhne gefahren und erst am Abend nach Hause gekommen. Nun war sein Bruder Christian der alleinige Besitzer - unzufrieden, blass und stets müde, aber er änderte nichts daran. Es war Michael, der den Mut hatte, dem Autohaus den Rücken zuzukehren. Da beide Brüder keine Kinder hatten, würde es dieses Autohaus in 3. Generation bald nicht mehr geben.

Michael atmete noch einmal die bereits nach Herbst riechende Luft tief durch die Nase ein und ging zurück in den Waschsalon. Er würde niemals den Tag vergessen, als er mit einem Anzug und einer Menge heller Oberhemden in einer Tüte, das erste Mal den Waschsalon betrat. Der Duft von Waschmitteln war kombiniert mit dem Geruch von den Zigaretten der damaligen Besitzerin.

"Komm' Se ruhig rein, es dauert nicht mehr lange. Die Gabi ist gleich frei!", empfing ihn damals bereits 70jährige Renate Z., die neben der Kasse saß und gänzlich hinter ihrer BILD-Zeitung verschwunden war. Michael hatte sich nach diesen Worten umgedreht und war in zwei schnellen Schritten die vier Stufen hinuntergesprungen, um nachzuschauen, ob dieses Geschäft tatsächlich der Waschsalon oder er aus Versehen in ein gewisses Etablissement getreten war. Doch er war hier richtig. Michael wusste nicht, dass in diesem Waschsalon alle Waschmaschinen Frauennamen trugen - Eva, Helga, Jutta, Rosi, Moni und eben auch Gabi.

Heute muss Michael darüber lachen, vor allem, wenn Renate jeden Dienstag vorbeischaut. Und wenn Renate beim Blick auf das Rauchverbotsschild mit den Augen rollt und mit ihrer tiefen Stimme stets zu sagen pflegt: "Na, Maik, alles schick?". Dann trinken die Beiden einen Kaffee, tauschen die Neuigkeiten des Viertels aus, und dann geht Renate wieder, wobei sie sich gleich vor der Tür eine Zigarette anzündet. Manchmal schüttelt Renate dabei den Kopf und brubbelt vor sich: "Alles ist jetzt anders da drin, nicht mal rauchen darf man mehr! Aber naja, der Maik wird es ja wissen".

Was alles anders ist? Nachdem Michael das Stadthaus gekauft und den Waschsalon von Renate übernommen hatte, bastelte er sich noch am selben Tag aus der Tageszeitung einen Malerhut und strich die Wände weiß. Somit war am nächsten Tag der unangenehme Geruch verschwunden. An die Fensterseite stellte er eine Reihe mit fünf alten Kinositzen aus dunklem Holz, die mit salbeifarbenem Samt neu bezogen waren. Dazu stellte er drei kleine dunkelbraune Holztischchen. Auf einem Trödelmarkt fand er eine alte Kasse mit einer Kurbel aus den 1920er Jahren. Den nagelneuen Kaffeeautomaten brachte Michael aus dem letzten Italienurlaub mit.

Nachdem die fünf neuen Waschmaschinen mit den dazugehörigen Trocknern geliefert und jeweils übereinander gestellt den Waschsalon komplettierten, bekamen auch sie neue Namen. Michael überlegte und entschied sich für männliche Vornamen, dafür mussten seine Schulkameraden herhalten - Ronny, Enrico, Thomas, Mario und René. 

Das alles war nun fünf Jahre her. Was er allerdings beibehielt, war jener Satz, den er bei seinem ersten Besuch hörte: "Die Gaby ist gleich frei!" Nur, dass er statt "Gabi" einen der Männernamen verwendete und dabei lachte er. 

Michael Sonneberg liebte die neugewonnene Freiheit und den Duft von Sauberkeit, Waschpulver und Weichspüler. Er mochte diese Geruchsmischung; er mochte das monotone Brummen der Waschmaschinen und Trockner und er mochte die Geschichten der Menschen, die seinen Waschsalon betraten. Manche erzählten von ihrer letzten Urlaubsreise und manche von ihrer Freude oder von dem Kummer, den sie in sich trugen. Es gab aber auch Kunden, die saßen einfach nur in der salbeifarbenen Kinoreihe, meist mit einem Kaffee vor sich auf den braunen Holztischchen, und sahen gedankenversunken ihrer Wäsche zu, wie sie sich hinter dem jeweiligen Bullauge drehte. So auch die junge Frau aus der Kunstgalerie. Später nahm sie stets ihren Korb mit den sauberen Kitteln, lächelte Michael an und ging. Der lächelte zurück und ärgerte sich später jedes Mal über sich selbst, die junge Frau wieder nicht angesprochen zu haben.

An diesem Spätsommertag also, es war ein Dienstag, wartete Michael vergebens auf Renate. Immer wieder schaute er an der Tür, doch sie kam nicht. Schon am Vormittag war viel los, die Waschmaschinen standen kaum still. Zwischendurch kam ihm der Gedanke, ein Klassentreffen zu organisieren, nachdem er beim Betreten seiner Kunden unzählige Male die Namen seiner Schulfreunde genannt hatte.

Dann endlich, am späten Nachmittag, kam Renate. Sie war ganz außer Puste, hustete und klopfte sich dabei auf die Brust. Weil der Waschsalon voller Leute war, zog sie Michael, der locker einen Kopf größer war als Renate, an einem Ohr zu sich herunter und flüsterte ihm etwas zu. Dann grinste sie schelmisch und winkte dem verwunderten Michael von der Tür noch einmal zu. "Heute habe ich keine Zeit für einen Kaffee. Versau es nicht, Maik! Ich musste dieser Charlotte versprechen, dir nichts zu sagen!", zog die Tür hinter sich zu und war weg.

Am nächsten Morgen wurde Michael vom Trommeln des Regens gegen seine Fenster geweckt. Der Spätsommer schien eine Pause einzulegen. Als er eine Stunde später mit einer Tasse Kaffee in der Hand den Waschsalon für die Kunden öffnete, sah er Charlotte mit einem Schirm, aber ohne ihren üblichen Wäschekorb voller farbbespritzter Kittel, auf sich zukommen. Er atmete ein und atmete aus, dann stand sie vor ihm. "Bevor du fragst, ich möchte nicht zu Enrico oder Ronny, sondern zu dir. Heute Morgen habe ich verschlafen und brauche dringend einen Kaffee, bevor ich die Galerie aufschließe", sagte sie und lächelte ihn an. Michael Sonneberg lächelte auch und dachte an die Worte von Renate. 'Nein, ich versau es nicht', und dann kochte er für Charlotte einen Kaffee.

Ende


PS: Danke Johanna 🫠, für die Bereicherung und Danke Thea 🫠, für das Originalfoto 🇮🇹 

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