Ein Tag im Leben von Antonio Cariboni- ein Meraner Friseur




Warum meine fiktive Geschichte diesen Namen trägt? Nun, weil seit Jahren jeder Tag bei Antonio Cariboni gleich ist - außer sonntags. Doch dafür sind auch die Sonntage gleich, da bleibt der Salon geschlossen und Antonio fährt am Morgen auf den Friedhof und besucht Maria, seine Frau. Die Nachmittage gehören dann seinen Freunden in Francescos Bar, dort spielen sie Briscola, ein bekanntes italienisches Kartenspiel. 

Von Montag bis Samstag findet man Antonio von 8 bis 18 Uhr in seinem Friseursalon, jeden Tag. Er gießt als erstes die Blumen, genießt dann seinen Kaffee und liest die Tageszeitung. Punkt 9 Uhr öffnet er die Tür. So hat es schon sein Vater getan und zuvor sein Großvater.

Wenn Valentina, die noch bei ihm zu Hause lebt, zur Arbeit kommt, bringt sie Croissants mit Pistaziencreme mit und wenn er am späten Abend seine Wohnungstür aufschließt, riecht es herrlich nach Valentinas Pasta. Seine Tochter kocht hervorragend, wie früher ihre Mama und zuvor ihre Nonna.

In Antonios Salon, den irgendwann Valentina übernehmen wird, ist es nie voll aber auch nie leer. In die kleine Seitenstraße verirren sich selten Touristen. Doch deren zahlreiches Stimmengewirr aus der Laubengasse kann man bis zu Antonio hören. Sie bevölkern die Geschäfte in den Straßen, fahren mit dem Sessellift hoch zum Dorf Tirol, wandern den Tappeinerweg über den Dächern von Meran entlang oder machen einen Spaziergang am Ufer der Passer. Abends genießen die Gäste Merans das Essen in den vielen großen und kleinen Restaurants und schwören sich, im nächsten Jahr wiederzukommen.

Im Laufe der Jahrzehnte saßen unzähligen Männer und Frauen, überwiegend Meraner, bei Antonio im Salon, aber auch einige ganz Große, die hier Urlaub machten; ihre schwarzweißen Fotos an den Wänden zeugen davon - ob Sophia Loren, Marcello Mastroiani, Adriano Celentano, zwei Bürgermeister während ihrer Amtszeit in Meran, der Polizeichef und sogar Silvio Berlusconi. Sie haben ihre jeweiligen Portraits unterschrieben und darauf ist Antonio sehr stolz.

"Salve Antonio, wie geht es dir?", reißt ihn Renata aus seinen Gedanken. Die Gemüsehändlerin winkt ihm zu und stellt die Tafel mit den Tagesangeboten vor ihr Geschäft. Antonio blickt von der Tageszeitung auf und nickt ihr zu. Dass Renata ein wenig verliebt in Antonio ist, weiß er nicht. Dafür hat er kein Auge mehr. Obwohl er mit seinen 74 Jahren noch mithalten könnte. Sein einst schwarzes Haar trägt er akkurat nach hinten gekämmt. Und seine Hemden bügelt er noch selbst. Wenn er mit seiner Zeitung so dasitzt, im Kontrast zu seinem weißen Haar die dunkle Sonnenbrille über seiner markanten schmalen Nase, kann man als Frau Renata schon verstehen. Doch wie gesagt, im Leben von Antonio gibt es nur noch seine Tochter Valentina und seine Freunde, mit denen er sich sonntags zum Kartenspiel trifft.

Von 12 bis 14 Uhr macht Antonio Mittagspause. Valentina arbeitet in dieser Zeit alleine im Salon, während Antonio zu Francesco geht und dort sein Mittagessen einnimmt. Dort nennt man ihn übrigens "den Maestro", was unserem Antonio sehr gefällt. Mit einem Grappa als Nachtisch in der Hand, beobachtet er die Touristen, die sich derweil über einen Limoncello freuen, den Francesco ihnen nach dem Abkassieren auf den Tisch stellt.

Wenn Antonio dann zurück zum Salon geschlendert kommt, löst er Valentina ab, die nur halbtags arbeitet. Dann kehrt Ruhe ein. Heute erwartet ihn der "Capo della Polizia". Der Polizeichef und Antonio sind Freunde. Antonio denkt schmunzelnd an den Tag zurück, als er dem Capo das erste Mal die Haare geschnitten hatte und ein Unbekannter in die Kasse greifen wollte. Der konnte gar nicht so schnell reagieren, weil er nicht mit dem Capo und dessen Pistole gerechnet hatte.

Wenn Antonio am Abend den Salon aufgeräumt hat und die Tür abschließt, nickt er Renata zu und dreht noch eine Runde zu Fuß entlang der Passer. Am Kurhaus setzt er sich auf eine Bank und hört dem Plätschern des Wassers zu, das beruhigt seine Nerven seit jeher. Von dort beobachtet Antonio das Treiben der Meraner und der vielen Touristen. Er lächelt, wenn er die Männer, Frauen und Kinder sieht, die sich gegenseitig vor dem großen Schriftzug "Meran" neben den Palmen fotografieren. Wenn Antonio die Glocken der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus hört, zählt er mit. Vier Glockenschläge bedeuten die volle Stunde und acht Glockenschläge sagen ihm, dass es 20 Uhr ist und für ihn Zeit nach Hause zu kommen. Mit einer Kugel Pistazieneiscreme in der Hand geht  Antonio Cariboni  los und freut sich auf Valentinas Pasta. Jeden Tag, auch sonntags.




Ende

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