Rue du petit bonher
Teil 2
Juliette, betrat den Balkon ihrer neuen Wohnung. Von diesem aus konnte sie hinter dem großen Park den Eifelturm sehen. Besonders faszinierte sie der Turm, wenn er nachts, wie jetzt auch, angestrahlt wurde. "Paris ist nie richtig dunkel", hörte Juliette ihre Schwester sagen. Chloe saß auf einem der nostalgischen Klappstühle, die dieselben schmiedeeisernen Verzierungen hatten, wie das Geländer der Balkone dieses Hauses. "Mir gefällt deine Wohnung, besonders die großen Glasflügeltüren und dieser Balkon. Du hattest wirklich Glück mit dem Makler, Juliette. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als du auf ihn im Café gewartet und zufällig Claire kennengelernt hast. Und nun, zwei Monate später wohnst du in dieser tollen Wohnung, drei Häuser vom Antik Café entfernt".
"Ja, ich freue mich künftig hier zu wohnen. Sieh mal, ich kann vom Balkon aus die Blätter der Linde berühren. Ich liebe deren aromatischen Duft". Unten auf der Straße hupte ein Taxi, unterbrach das Gespräch der Schwestern, und Chloès Tochter Claire winkte ihnen zum Abschied zu. Von der großen Einweihungsparty waren nur noch die beiden Schwestern übriggeblieben und genossen die langsam ruhiger werdende Stadt.
Seit diesem wunderbaren Tag in Paris waren zwei Monate vergangen. Juliette hatte die Wohnung so gut wie fertig eingerichtet. Sie fühlte sich wohl in diesen hellen Räumen, die mit antiken Möbeln ausgestattet, zeitlos und doch lebendig wirkte. Lediglich die Küche und das Bad zeugten vom Gesicht der modernen Zeit. Juliette liebte das Knarksen des Parkettbodens, wenn sie über den Boden lief, das weckte jedes Mal aufs Neue ein behütetes Gefühl aus ihrer Kindheit. Nur in ihrem Arbeitszimmer standen noch Kisten mit Unterlagen, Ordnern und Manuskripten, die sie als Übersetzerin noch zu bearbeiten hatte.
Am Vormittag waren die Regale für das Arbeitszimmer geliefert worden. Chloè stand mit hochgekrempelten Ärmeln auf der Leiter und drückte die Bohrmaschine gegen die Wand neben dem hohen Fenster, als es jäh einen Ruck gab. An dieser Stelle schien die Wand um einiges dünner zu sein. Chloè stieg von der Leiter. Beide Schwestern klopften vorsichtig gegen die Wand und hörten unterschiedliche Töne. "Hier ist eine Tür hinter der Tapete, Juliette", flüsterte Chloe. Vorsichtig erfühlte sie den Hohlraum, atmete tief ein und drückte energisch dagegen. Die Tapete riss ein und eine Tür sprang quietschend auf. Der fensterlose Raum dahinter war geschätzt 2 x 2 Meter groß und die Luft abgestanden. In der Mitte stand ein kleiner, verstaubter Tisch mit einem ebenso verstaubten Hocker. An der Wand gegenüber der Tür dominierte ein Bücherregal, das gefüllt von Ordnern war. Im Schein von Juliettes Taschenlampe konnten die beiden Frauen erkennen, dass jeder Ordner mit einem Aufkleber versehen war, auf dem jeweils ein Familienname stand. Die Handschrift schien schon älter zu sein.
Bis zum Abend verbrachten die Schwestern ihre Zeit damit, diese Ordner anzusehen. Es schien, als hätte der Vorbesitzer der Wohnung über jede Familie im Haus Informationen gesammelt und diese akribisch abgeheftet. Die ältesten Eintragungen waren fast so alt wie das Haus selbst, die letzten endeten vor fünfzehn Jahren. Juliette konnte ihre Neugier kaum unterdrücken. "Diese Ordner sind stumme Zeitzeugen, die uns alles erzählen! Vielleicht bringen wir sie morgen in das Pariser Stadtarchiv. Und dann erkundigen wir uns, wer in dieser Wohnung gewohnt hat. Aber erst morgen, ja? Lass uns noch etwas weiter darin lesen. Möchtest du ein Glas Wein?". Juliette stand auf und bemerkte erneut, wie sehr ihr der Blick aus dem Fenster auf den erhellten Eifelturm gefiel.
"Ja, sehr gern. Weißwein bitte, aus dem Kühlschrank", antwortete Chloè. "Wir haben noch eine lange Nacht vor uns, bevor wir all die Ordner durchgeblättert haben. Es ist immer wieder so, keine Familie gleicht der anderen. Und doch ist jede auf ihre eigene Art glücklich. Wir haben uns wiedergefunden, und das ist unser Glück, Juliette".
'Ja!', dachte Juliette. 'Vielleicht war es doch kein Zufall, dass ich diese Wohnung hier gefunden habe - in der Straße zum kleinen Glück'. Mit zwei Gläsern Wein in der Hand kam Juliette leichtfüßig über die knarksenden Dielen zurück ins Wohnzimmer und setzte sich zu ihrer Schwester auf das weiche Sofa.
Ende Teil 2
PS: Danke für den Eifelturm, meine liebe Thea
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