Ein besonderes Buch


Die Lampe über dem kleinen Holztisch erhellte seit Stunden die Küche. Ich konnte das Buch kaum zur Seite legen, seit ich es am späten Vormittag auf einem Trödelmarkt für wenige Euro erworben hatte. Ein Buch über Goethes Italienreise 1786 - 1788. Aber noch mehr faszinierte mich, was ich zwischen den Seiten fand. Der Händler würde meine Freude sicher nicht verstehen. Ich hatte einen Schatz erworben – eine Art Tagebuch in einem Buch verband zwei Epochen Zeitgeschichte.  

Als ich das über 700 Seiten dicke Buch aus meiner Tasche zog, viel nämlich eine Postkarte heraus. Auf der Vorderseite erkannte sofort die ewige Stadt Rom. Im Vordergrund viel Grün mit Pinien und Zypressen; im Hintergrund erkannte ich Türme, Häuser und Kirchen. Nachdem ich die Karte umdrehte, sah ich, dass sie nicht nur als Lesezeichen benutzt wurde, sondern mit einer feinen Handschrift versehen war. Ein gewisser Doktor Scheibner bedankte sich mit Datum vom 16.August 1967 beim Dekan der Universität.
 
"Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Grünert,
 
nochmals recht herzlichen Dank für die Einladung zu Ihrem Empfang. Die überaus angenehmen Gespräche bereicherten den Abend auf eine ganz besondere Weise. Auch das Abendessen war meiner Gattin und mir ein besonderer Genuss.
 
Herzliche Grüße
Dr. Erich Scheibner und Gattin Heidemarie"
 
Ich hielt das Buch kopfüber in die Höhe und ließ die Seiten locker fallen. Und siehe da, weitere Schätze fielen aus dem Buch. Eine Visitenkarte von Prof. Dr. Berthold Grünert, dann ein Zeitungsartikel über ihn und sogar ein Foto mit ihm darauf. Das Foto hatte die Größe einer Postkarte. Die Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigte einen leicht übergewichtigen Mann in den Sechzigern, im Anzug und mit zurückgekämmten Haaren. Freundlich lächelte er in die Kamera. In der rechten Hand hielt Prof. Dr. Grünert eine Zigarre. Seine Position an dem mächtigen Schreibtisch verriet höhere Bildung und jede Menge Selbstbewusstsein. Die Namen der Autoren der unzähligen Bücher in den Regalen hinter ihm konnte ich leider nicht erkennen.
 
Der Mann machte mich neugierig und nachdem ich seinen Namen im Internet eingegeben hatte, erschienen jede Menge Artikel über den Literaturprofessor. Er lebte bis 1991, als er während einer Urlaubsreise auf einer Ostseeinsel verstarb.
 
Fast am Ende des Buches zog ich als letztes ein zusammengefaltetes Blatt Papier heraus. Der Brief an den Professor war ebenfalls von Dr. Scheibner. Die Schrift zu lesen, bereite mir etwas Schwierigkeiten, manche Worte bzw. Teilsätze waren an den Stellen der Knicke bereits verblichen. Die Korrespondenz zwischen den beiden Herren bezog sich auf Goethe und dieses Buch. Aber auch auf Italien, insbesondere Rom, da dort wunderbare Orte und ein Hotel beschrieben waren. 
 
Der Nachmittag verging wie im Fluge. Ich tauchte ein in die Zeit mit Goethe in Italien, mit den Herren Prof. Dr. Grünert und Dr. Scheibner in das Jahr 1967 und dem Hier und Heute unter der Küchenlampe.
 
Rom, dachte ich, vielleicht war dieses Buch ein Zeichen. "Nun gut, meine drei Herren, dann wollen wir mal sehen, ob es das Hotel noch gibt", sprach ich zu mir selbst, tippte den Namen des Hotels ins Internet und war voller Vorfreude auf die ewige Stadt.
 
 
Ende
 
 
PS: Für meine Mutti

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