Futtersuche im Schnee - eine Geschichte für Kinder
Polli saß, vor der Kälte geschützt, auf einem Holzbalken in einer Garage. Es war der erste Winter des jungen Rotkehlchens, das noch im Sommer mit seinen Geschwistern, vom Nest in einer Hecke des angrenzenden Gartens, die ersten Flugversuche gestartet hatte.
Durch den Türspalt konnte sie beobachten, dass es noch immer schneite. Seit gestern schien der Garten unter einer weißen Schneedecke versunken zu sein. Hübsch sahen die Sträucher und Bäume aus; statt der grünen Blätter im Sommer, trugen sie nun weiße Kleider. Still war der Garten, still war auch die Straße. Es schien, als hätte der Schnee die Geräusche unter sich begraben.
Polli sah, dass der Gartenteich sogar mit einer dünnen Eisschicht bedeckt war. Die Halme des Schilfrohrs, die sich an dessen Ufer sonst im Wind vorsichtig bewegten, wirkten wie erstarrt. Besonders interessant fand Polli das rote Auto auf dem Hof. Kurz nachdem es begonnen hatte zu schneien, trug das Auto nämlich eine weiße Mütze. Als sie das erste Mal neugierig aber vorsichtig auf dieser Mütze gelandet war, hatten ihre winzigen Krallen Abdrücke im kalten Schnee hinterlassen. Auf diesem roten Auto saß Polli oft und schaute sich nach Futter um; hoch oben auf dem Dach, damit der dicke Kater Barolo sie nicht fangen konnte.
'Das ist schön! Wenn ich nur nicht so hungrig wäre', dachte Polli. Aufgeplustert, zum Schutz vor der Kälte, wirkte sie doppelt so groß. Das kleine Vogelmädchen breitete die Flügel aus und drehte eine Runde durch den Garten. Schließlich setzte es sich auf einen kahlen Ast. Über Polli saßen weitere Vögel im Baum, die sich hungrig umschauten. "Wir haben Hunger!", zwitscherten sie laut. Noch immer fiel der Schnee in dicken Flocken vom Himmel.
Polli flatterte zurück in die Garage. Dort musste sie wohl eingeschlafen sein, bis sie von Kinderstimmen geweckt wurde. Neugierig trippelte sie auf dem braunen Holzbalken bis zum Rand der Tür. Es hatte aufgehört zu schneien.
Im Schnee sah sie Fußspuren, die viel, viel größer waren, als ihre. Diese führten vom Haus, zu dem die Garage hörte, bis zu dem Baum, auf dem sie vorhin gesessen hatte. Die Kinder, die in dem Haus wohnten, hatten kleine gelbe Netze mit runden Meisenknödeln; rote und grüne Apfel, gespickt mit Sonnenblumenkernen, aber auch Apfelringe und verschieden große Röhren mit Vogelfutter an die Zweige gehängt. Das kleine Rotkehlchen konnte es kaum glauben. Es war, als hätte jemand den Mittagstisch gedeckt. Aufgeregt trällerte Polli bis all die anderen Vögel angeflogen kamen. Freudig pickten sie gemeinsam an den Meisenknödeln und den Äpfeln. Sogar das Eichhörnchen Charly schien etwas gefunden zu haben. Mit einer Nuss rannte es durch den Schnee zurück in seinen Kobel.
'Sag ich doch, Winter ist schön', dachte Polli satt und zufrieden, als es später dunkel wurde. Von ihrem Platz auf dem Holzbalken in der Garage konnte sie im Mondlicht die Halme des Schilfrohrs am Gartenteich sehen, die nun auch weiße Mützen trugen.
"Gute Nacht, liebe Vögel. Morgen bringen wir euch wieder neues Futter", hörte Polli die Kinder rufen, die in ihren Schlafanzügen an der Haustür standen. "Gute Nacht", flüsterte auch Polli, plusterte sich auf und schlief ein.
Ende

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