Der Rouladendieb
Als der noch junge Fuchs an diesem Wintermorgen erwachte, spürte er ein mächtiges Magenknurren. Er streckte sich und gähnte. In dem alten Holzschuppen hatte er es sich gemütlich gemacht. Hier war es warm und trocken. Als Bett diente ihm ein weiches, rotkariertes Hemd eines Bauern, das er im letzten Herbst von dessen Wäscheleine gemopst hatte.
Während er seine spitze Nase ins Freie hielt und nach Futter witterte, bemerkte er, dass alles anders anfühlte, als noch am Tag zuvor. Die Luft roch nicht mehr gleich und es war ganz still. Lediglich das Geschnatter einiger Wildgänse war zu hören. Der Fuchs schaute zu ihnen hinauf. 'Eine Gans käme mir grad recht!', dachte er, leckte sich die Schnute und wollte sich auf die Suche machen.Doch was war das? Schnell zog er seine rechte Pfote zurück, die soeben den kalten Schnee berührt hatte. Der junge Fuchs kannte noch keinen Schnee. Doch seine Neugier war genauso groß wie sein Hunger. Vorsichtig setzte er erneut seine Pfote in den Schnee, dann noch eine - und lief los. Ganz weich war der Schnee, und kalt.
Während er über die Elbwiese rannte, versank er manchmal so tief im Schnee, dass nur noch sein buschiger, roter Schwanz zu sehen war. Das machte dem Fuchs so viel Spaß, dass er dabei sogar seinen Hunger vergaß.
Erst als er einem Schneemann mit einer dicken Möhrennase begegnete, rumorte es wieder tüchtig in seinem Magen. Doch unter der dicken Schneedecke konnte er nichts zu essen finden.
Der Fuchs stellte sich auf die Hinterbeine, schloss seine Augen und witterte. Ganz schwach nahm er einen Duft wahr, der herrlich in seiner Nase kitzelte. Er duckte sich und spähte in die Richtung, aus der dieser Geruch kam. Dann lief er los.
Zur gleichen Zeit klingelte der Kurzzeitwecker in Tante Ruthchens Küche. Die leckeren Rouladen waren fertig. Sie nahm ihre selbstgestrickten Topflappen und zog den Topf vom Herd. Zum Abkühlen stellte sie die Rouladen an das geöffnete Küchenfenster, nahm den Deckel vom Topf und deckte den Mittagstisch. Nachdem sie die Teller, das Besteck und zwei Gläser auf den Tisch gestellt hatte, ging sie zu ihrem Mann ins Wohnzimmer, der auf dem Sofa lag und schnarchte. Er musste wohl beim Zeitung lesen eingenickt sein.
Der Fuchs, der dem wunderbaren Geruch bis zu Tante Ruthchens Haus gefolgt war, sprang vor dem Küchenfenster erst auf die Gartenbank und von dort auf das Fensterbrett. Die erste Roulade war noch sehr warm, schmeckte aber herrlich. Die zweite schmeckte noch besser. Eine dritte nahm er in seine Schnute und rannte davon. Diese würde er in seinem warmen Holzschuppen essen und sich dann zum Mittagsschlaf auf dem weichen, rotkarierten Hemd des Bauern zusammenrollen.
Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie verwundert Tante Ruthchen in den fast leeren Topf schaute. Nur eine Roulade und die würzige Sauce waren noch übrig. In der Ferne konnte sie noch den buschigen Schwanz des Rouladendiebes sehen. "Na warte, wenn ich dich kriege, dann mache ich mir warme Handschuhe aus deinem Fell!", rief sie ihm nach. Doch der Fuchs lachte schelmisch und freute sich auf die dritte Roulade.
Ende

😄
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