Das vierte Haus - Weihnachten 2025

 


Monika Borlinger hing ein Schild in das Fenster und schloss die Praxistür fest hinter sich zu. "Wir haben vom 22.12.25 bis 02.01.26 geschlossen und wünschen allen Patienten ein frohes Weihnachtsfest.", war darauf zu lesen. Ein langer Tag lag hinter Monika und Holger Borlinger. Ihre Gemeinschaftspraxis war bis zum Feierabend gut besucht. Ein kleiner Junge hatte sich beim Rodeln einen Zahn ausgeschlagen, eine ältere Dame ihren Zahnersatz verloren, drei Patienten kamen wegen akuter Zahnschmerzen und zwei weiteren war eingefallen, dass sie noch keinen Stempel im Bonusheft hatten und waren deshalb spontan noch zur Vorsorgeuntersuchung gekommen. Die beiden Zahnärzte waren froh, als sie ihre Gemeinschaftspraxis nun verlassen und mit dem Auto nach Hause fahren konnten. Die wohlverdienten Weihnachtsferien standen bevor.

 Zu Hause schaute Monika noch einmal aus dem Fenster, bevor sie die Außenrollos herunterließ. So viel Schnee war schon lange nicht mehr gefallen. Sie hoffte, dass der Schnee bis Weihnachten liegen blieb. 'Noch eine Woche. Und es gibt so viel vorzubereiten. Zum Glück haben wir nun frei", seufzte sie und träumte vor sich hin, sah den wolkenlosen Himmel und die Sterne. Dann hielt sie inne. "Holger? Holger, komm doch mal schnell. Du glaubst es nicht!", rief sie, während sie sich umdrehte und zu ihm ins Wohnzimmer schaute.

 "Ist das nicht unser Nachbar von gegenüber, der alte Latschkowski?", flüsterte Monika. "Ja, und guck, Herr Hilbert auch. Was machen die da am Teich?", antwortete ihr Holger. Im hellen Mondschein saß der ehemalige Bürgermeister auf einem alten, vor Jahren umgefallenen Baumstamm, und aß sein zweites Stück Stolle. Die Stolle war noch von seinen jungen Nachbarn, die sie angeschnitten hatten, nachdem Sophie gestürzt und die kleine Luise auf Werner Hilberts Arm eingeschlafen war. Dabei schaute er seinem Nachbarn zu, der grad seine dritte Pirouette auf dem Eis drehte.

 Lutz Latschkowski verbeugte sich ganz außer Atem vor dem ehemaligen Bürgermeister, der staunend und mit dem Mund voller Stolle dabei zusah.

 "Wo haben Sie das gelernt?", wollte Werner Hilbert wissen.  In diesem Moment ging der Bewegungsmelder auf dem nahen Grundstück an und erleuchtete die Büsche ringsherum. Herr und Frau Borlinger gesellten sich mit einem Korb zu den beiden Rentnern. Sie hatten eine Kanne Glühwein, eine Kanne Tee und mehrere Becher dabei.

 "Guten Abend, Herr Hilbert und Herr Latschkowski. Sie beide hier, gemeinsam? Und Herr Latschkowski, Sie können auf diesen Dingern stehen?", fragte Frau Borlinger besorgt und dachte an ihren Erste Hilfe Koffer im Auto. Bescheiden nickte der ehemalige Weltmeister und begann zaghaft von seiner Jugend und der glanzvollen Zeit zu berichten. Ungläubig staunten seine Nachbarn.

 Zur gleichen Zeit trugen Sophie und Jacob ihr Baby abwechselnd durch das Haus. Die kleine Luise schrie und ihr angespanntes Bäuchlein zeugte von einer Drei-Monats-Kolik. "Ob sie im Wagen etwas zur Ruhe kommt? Ich mache eine Wärmflasche fertig. Komm, wir ziehen uns an und laufen eine Runde durch den Schnee. Die frische Luft wird uns allen guttun", meinte der junge Vater.

 Warm angezogen verließen Sophie und Jacob ihr Grundstück. Luise, eingekuschelt in ihrem Kinderwagen, schrie noch immer. Langsam liefen sie über den geschobenen Fußweg, an dem sich links und rechts die Schneeberge türmten. Auf dem Weg zum Mühlteich blieb Jacob plötzlich stehen. "Du, guck doch mal, da stimmt was nicht. Beim Haus hinten rechts stehen alle Türen offen und Licht brennt überall. Wohnt da nicht der alte Herr Latschkowski ganz allein? Ich geh rein. Ruf du die Polizei, Sophie!".

 Das Bild, welches sich später den Streifenpolizisten bot, war ein ganz anderes, als sie zuvor vermuteten. Es hatte wieder angefangen zu schneien. Ringsum war niemand zu sehen, nicht am Mühlteich, nicht auf der Straße und auch nicht im Garten des hell erleuchteten Hauses. Beide Etagen des Einfamilienhauses waren leer. Einzig zwei nasse Spuren, wie von einem Schlitten, Rollstuhl oder Kinderwagen zogen sich vom Eingang zur Kellertür.

 Auf dem Weg zur Kellertreppe ebbte die anfängliche Stille ab und stattdessen hörten die beiden uniformierten Männer Weihnachtsmusik und Stimmen, die freundlich klangen. "Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, wir sind auf dem Weihnachtsmarkt!", flüsterte der jüngere von beiden und atmete einen süßlichen Duft tief durch die Nase ein.

Der Raum im Keller des Hauses, eingerichtet wie ein weiteres Wohnzimmer, war voller Menschen, am Adventskranz leuchteten vier Kerzen. Sie saßen auf zwei Ledersofas und den dazu passenden Sesseln. Es roch nach Glühwein, Tee, Stolle und Weihnachtsgebäck. Die Männer und Frauen verschiedenen Alters trugen goldene, silberne und bronzefarbene Medaillen um den Hals, blätterten in Fotoalben und redeten freundlich miteinander. Mit roten Wangen und einem Tablett in beiden Händen begrüßte Frau Borlinger die Polizisten. "Guten Abend, die Herren. Ist etwas passiert? Sind Sie im Dienst? Glühwein oder Tee?".

 "Was ist denn hier los?". Die Gespräche verstummen und alle schauten zu den Polizisten. "Ich glaube, wir haben Weihnachten!", antwortete Sophie und blickte glücklich zum Sofa. Dort schlief die kleine Luise friedlich und entspannt im Arm eines älteren Mannes. "Darf ich vorstellen? Das ist nicht etwa der stolze Uropa, sondern unser ehemaliger Bürgermeister, Werner Hilbert. Daneben sitzt der ehemalige Weltmeister im Eiskunstlaufen, Herr Lutz Latschkowski. Gegenüber, der Herr mit dem Hammer, das ist mein Mann Jacob. Er hat nur für eine weitere Medaille einen Nagel in die Wand geschlagen." "Und Sie, Sie kenne ich doch!", unterbrach der ältere Polizist Sophie und schaute zu der Frau mit der Teekanne in der Hand. "Sie sind doch meine Zahnärztin, Frau Dr. Borlinger! Guten Abend".

 "Also, ist hier alles in Ordnung? Kann ich mal Ihren Personalausweis sehen?", wandte er sich an Sophie. "Ja, hier ist alles in bester Ordnung! Es war nur ein Versehen", erklärte die junge Frau entschuldigend und holte aus ihrer Handtasche ihren Ausweis. Der Polizist betrachtete das Foto und kontrollierte die Angaben. "Sie sind nicht von hier, Frau Reuter?“, fragte er.

" Oh doch! Ich bin von hier! Ich gehöre genau hier her! Seit drei Monaten sind wir alle Nachbarn. Nur habe ich es noch nicht geschafft, mich umzumelden.", lächelte Sophie charmant und überreichte den zwei Polizisten den Rest der Stolle aus ihrer alten Heimat. "Frohe Weihnachten!".

 

Ende

 

 

 

 

 

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